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Auszug aus meinem Buch „Fluch der Kindheit", eine Lebensgeschichte der Autorin

(Judith Dagota)


 
Meine Gedanken sagten mir: „Nun lass’ die ständigen Ausreden, mach’ endlich Schluss!"

 Und kurze Zeit später saß ich tatsächlich über diese wissenschaftliche Ausarbeitung. Ich spürte sehr bald, dass diese Beschäftigung auf meinen derzeitigen Gesundheitszustand wie Medizin wirkte. Zum Grübeln blieb nun keine Zeit mehr. Durch wochenlanges, intensives Arbeiten entstand ein umfangreicher Bericht über meine schulische Arbeit, gegliedert und angelegt wie eine Diplomarbeit. Da mir das Schreiben schon immer mehr Spaß als freies Sprechen gemacht hatte, ging die Schreibarbeit auch zügig voran.

 Doch fast wäre mein „ Erstlingswerk ” nie fertig geworden. Denn so wohl ich mich auch beim Schreiben fühlte, meine Psyche blieb krank wie bisher. Nur dem aufmerksamen Beobachten meines Mannes habe ich es zu verdanken, dass ich auch heute noch schreibe und mich an „meinem ” Buch versuche.

 Die Faschingszeit war in vollem Gange. Und Kay wollte nun nach der Trauerzeit einfach mal wieder ausgehen. Da bot sich eine Veranstaltung im Nachbarort mit Faschingsprogramm und anschließendem Tanz geradezu an. Nach einigen Überredungskünsten meines Mannes willigte ich schließlich ein. Im vollgestopften Saal herrschte eine ausgelassene Atmosphäre. Die Tische waren so dicht zusammengequetscht, dass die Kellner Mühe hatten die Durstigen zu bedienen. Ich fühlte mich äußerst unwohl. Der Lärm, die Enge, der sich vermischende Körperdunst verunsicherten mich. Aber es fiel nicht auf, wenn ich mich ganz dicht an meinen Kay kuschelte. Viel zu Trinken bekamen wir an diesem Abend nicht, doch das Programm konnte sich mit so mancher Fernsehveranstaltung messen. Die Bauchmuskeln wurden während der Darbietungen geradezu massakriert. Immer mehr Körpermief und Deodorantdüfte umkreisten die in Schweiß gebadeten Zuschauer. Als das gelungene Programm beendet war, hatte eigentlich niemand mehr so recht Lust das Tanzbein zu schwingen. Zum Erzählen war es jedoch viel zu laut. So beschlossen auch wir, uns eben in das Gedränge der Tanzenden zu begeben.

 Als ich unter den Tänzern einen Arbeitskollegen entdeckte, winkte ich ihm voller Freude zu. So ganz allmählich steckte auch mich die Fröhlichkeit der anderen an. Ich hatte das Gefühl endlich wieder aufzutauen und tauschte im Vorübertanzen mit dem erwähnten Kollegen ein paar nette Worte. Aus welchem Grund auch immer, Kay reagierte eifersüchtig und wir zankten uns beide mitten auf der Tanzfläche. So schnell wie gekommen, waren meine aber auch Kays gute Laune dahin. In eisigem Schweigen, die vorher innige Umarmung nur noch angedeutet bewegten wir uns steif nach der fröhlichen Tanzmusik.

 Da überkam mich mit voller Wucht ein überstarkes Gefühl der Einsamkeit. Ich spürte das Groteske der momentanen Situation in solcher Stärke, dass mein Umfeld wie in Nebel gehüllt erschien - als wallende Masse, die mich verhöhnend anfeixte. Nur noch einem einzigen Gedanken war ich ausgeliefert: Alles ist Lug’ und Trug’! Wir bewegen uns als seien wir fröhlich wie all’ die anderen Tänzer, obwohl Kay mir misstraut. Aber Vertrauen und Achtung sind die Grundvoraussetzungen jeder Liebe überhaupt. Also liebt er mich nicht wirklich. Ich bin allein und ungeliebt. Ehe, Familie alles ist nur Schein, nur ein Vortäuschen einer super heilen Welt. Vorgetäuscht ist alles - das ganze Leben. Ich bin allein, allein, allein! Mir schien, als würde dieser Schmerz der Einsamkeit in jedem Moment mein Herz und meine ganze äußere Hülle wie eine einzige gewaltige Detonation in tausend Stücke zerreißen. Mich von meinem Mann losreißend stürzte ich weg von dem Knäuel falscher und scheinheiliger Menschen, hinaus in die Kälte des Winterfrostes. Mit Stöckelschuhen und dünnem Kleid hastete ich die Straße entlang dem Ortsausgang zu. Nach Hause, nur nach Hause wollte ich, mich vor Sehnsucht nach Geborgenheit irgendwohin verkriechen. Die Chaussee war dunkel und menschenleer, hin und wieder vom schnellen Vorbeifahren eines Autos kurz erhellt. Immer, wenn ein PKW seine Scheinwerferstrahlen leckend über die Straße gleiten ließ, flüchtete ich mich in den angrenzenden, gottlob wasserfreien Graben. In gebückter Haltung spürte ich die grelle Helligkeit über meinen Körper huschen, ängstlich bemüht von niemandem erkannt zu werden. Mit dem verklingenden Motorenlärm stapfte ich mit schneegefüllten Tanzschuhen wieder hinaus aus dem Graben der nun stockfinsteren Fahrbahn entgegen. Ein großer Schreck erfasste mich, als plötzlich Lachen und fröhliche Wortfetzen an mein Ohr drangen. Schlagartig wurde ich mir meiner Situation bewusst: eine in beiden Orten bekannte Lehrerin in Partykleidung, trotz des strengen Winterfrostes mutterseelenallein in Richtung Heimweg. Und wieder hastete ich dem Schutz des Grabens zu. Tief schmiegte ich mich in den eisigen Schnee: „ Mein Gott, was tue ich hier, bin ich verrückt? ” Getrieben von der Absonderlichkeit meiner Gedanken, der Finsternis und der eisigen Kälte hastete ich nach Hause. Wie ein gejagtes Tier suchte ich den Schutz meiner Behausung. Mechanisch und in aller Eile entkleidete ich mich und machte mich für die Nachtruhe fertig. Vor Kälte zitternd, aber von den erschreckenden Gedanken wie gelähmt, kuschelte ich mich tief in mein Federbett. Die Leere, die unerträgliche Einsamkeit blieb. Und plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Nur ich selbst konnte diesen Zustand beenden. Der Gedanke an meine Kinder brachte mich dieses Mal nicht von meinem Vorhaben ab, sondern verstärkte den Zwang - jetzt sofort mein Leben zu beenden. Meine Gedanken sagten mir: „Nun lass’ die ständigen Ausreden, mach’ endlich Schluss! Alles ist besser als eine verrückte Mutter zu haben! ” Diese endgültige Entscheidung umhüllte mich mit einer inneren Ruhe, die jedes schmerzliche Gefühl in mir erstickte. Schon fast gleichgültig, marionettenhaft schluckte ich eine Schmerztablette nach der anderen hinunter, bis die vorher gefüllte Schachtel leer war. Unfähig noch einen Gedanken zu fassen außer: „ Ruhe, endlich Ruhe; ” ließ ich mich in die Kissen gleiten. Kurze Zeit später befand ich mich in der Welt des Schlafes, der so hoffte ich, ein endgültiger sein sollte.

 Kay, der betroffen meine Flucht zur Kenntnis genommen hatte, zunächst verärgert auf meine Rückkehr wartete, wurde schließlich von Unruhe ergriffen und machte sich auf die Suche nach mir. Da Handtasche und Mantel von mir zurückgelassen wurden, vermutete er mich in der Nähe des Tanzsaales. Alles Suchen blieb erfolglos. Schließlich schnappte er sich meine Sachen und marschierte eilig ausschreitend nach Hause. Dort angekommen fand er mich in tiefem Schlaf. Nichts deutete auf die Einnahme der Tabletten hin, weil ich sorgfältig alle verräterischen Spuren in den Nachtschrank verstaut hatte.

Doch eine innere Unruhe muss meinen Kay dazu getrieben haben mich zu wecken um mit mir sprechen zu wollen.

 Und so empfand ich es dann: Irgend etwas störte mich ununterbrochen und beständig in meiner herbeigeführten Ruhe. Schließlich erkannte ich Kay, welcher an meinem Bett stehend besorgt auf mich einredete.

Mühevoll versuchte ich zu antworten, meine Zunge gehorchte mir nicht, ich lallte irgend etwas Unverständliches und dies machte Kay nur noch besorgter. Schwach erinnere ich mich heute, dass ich schwerfällig auf einige seiner mich so störenden Fragen antwortete: „ Nein ich habe keinen anderen Mann lieb, wenn überhaupt, dann Papa Frieder. Diesen aber mag ich wie einen Vater. Doch nun ist ja alles egal, es stört mich nichts mehr. Warum nicht? Nun wegen der Tabletten. Welche ? Na, die ich geschluckt habe. Viele? Ja alle aus der Schachtel.- Ja das ist die Schachtel - ach nun lass mich doch endlich weiter schlafen. ” Aber Kay schleppte mich wie ein Kind auf dem Arm tragend ins Bad. Dort musste ich furchtbar salzig schmeckendes Wasser trinken. Ich weigerte mich, doch Kay ließ nicht locker. Wieder und wieder hielt er mir das Glas an die Lippen - bis ich mich schließlich erbrach. Diese Prozedur wiederholte mein Mann mehrmals mit mir. Während ich völlig schlapp und erschöpft in seinen Armen hing, tröstete er mich: „ So nun haben wir es wohl geschafft, dieses ganze Zeug müsste nun wieder raus sein. ”   Kaum, dass er mich ins Bett gleiten ließ schlief ich schon wieder fest ein. Doch für Kay wurde es eine schlaflose Nacht. Besorgt überwachte er Stunde für Stunde meine Atmung.  Zum Grübeln und Nachdenken blieb ihm dabei aber dennoch genügend Zeit.

 Spät am Nachmittag des folgenden Tages erwachte ich mit einem riesigen Brummschädel. Beschämt erinnerte ich mich - die Kopfschmerzen stammten nicht vom Alkohol . Voller Scheu blinzelte ich zu Kay, welcher sich zu mir ans Bett gesetzt hatte und meine Hand streichelte. Musste ich mit unangenehmen Konsequenzen nach dieser, mir nun furchtbar peinlichen Kurzschlusshandlung des gestrigen Tages rechnen? 

 Doch Kay umsorgte mich in inniger Liebe. Als ich zaghaft meinte: „Da habe ich wohl etwas ziemlich Dummes gemacht? ”, nahm er  mich in die Arme und sagte leise aber bestimmt: „ Jetzt versuche mal den gestrigen Tag zu vergessen und erhole dich erst einmal. Wir werden später darüber reden, damit ich deine Beweggründe verstehe und wir eine Wiederholung verhindern können. Glaube mir, wir beide bekommen das schon in den Griff, mein Schatzilein.”

 Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen, hatte ich doch befürchtet, mein Mann würde mir dringend raten den Stationsarzt des Fachkrankenhauses aufzusuchen. Aber allein schon bei dem Gedanken dort nochmals ein halbes Jahr Therapiezeit verbringen zu müssen, sträubten sich mir die Haare. Stationär wollte ich nie wieder in dieser Einrichtung untergebracht werden.

 

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