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Leseprobe aus dem Buch "Gefangen im Schmerz" von Judith Dagota

 

4. Weitere stark belastende Beschwerden: Fibronebel; Schlafstörungen; Verschlechterung der Sehleistung

 

 Selbst wer von Fibromyalgiepatienten dieses Wort Fibronebel noch nie gehört hat, wird sofort wissen, um welche Art von Beschwerden es sich bei diesem so genannten „Fibronebel ” handelt. Neben den Schmerzen und der totalen Erschöpfung bereitet das Symptom den meisten Betroffenen die größten Unannehmlichkeiten und Ängste. Eigentlich ist dies auch kein Wunder, werden doch zu Beginn der Krankheit viele Patienten zunächst in die Psychokiste geschoben. Die Bewusstseinsänderungen, die jeder an sich selbst und häufig mit großer Sorge feststellt, werden ständig mehr, sind unerklärlich. Besonders belastend und schwer zu überwinden ist meines Erachtens das teilweise oder ständige Neben - sich - Stehen. Es ist eine Benommenheit, die dem Betroffenen das Gefühl vermittelt, nicht mehr real am Leben teilzunehmen. Wir kennen auch den Begriff „eine Mattscheibe haben ”. Dieses Gefühl hat wohl jeder an sich schon einmal verspürt, doch nie so intensiv, wie Fibromyalgiekranke darunter zu leiden haben. Das Leben scheint plötzlich nicht mehr real, wie im Traum abzulaufen. Man steht neben sich und beobachtet sein Handeln, ohne gedanklich und gefühlsmäßig richtig dabei zu sein. Man scheint ein anderer zu sein, der aber eigenartigerweise sich selbst beobachtet. Ich habe diese Situation auch folgendermaßen versucht zu erklären: Man schaut durch eine total verdreckte Glasscheibe. Da die Sicht sehr schlecht ist, gelingt es einem nicht,  entsprechend der Situation schnell, zielsicher und korrekt zu reagieren.

Zu diesen unangenehmen Empfindungen kommen noch solche wie verschwommenes Sehen, Wortfindungs - und Aussprachestörungen hinzu. Selbst das Gehör bereitet Schwierigkeiten. Nicht wenige Betroffene, mit denen ich darüber sprach, hegten die Sorge allmählich „verrückt ” zu werden.

Nicht immer fällt der Fibronebel so drastisch aus. Aber auch folgende Beschwerden können einen Betroffenen ganz schön runter ziehen:  Extreme Konzentrationsstörungen, bei vorher guter Konzentration; sich nichts mehr einprägen zu können  - ich war beispielsweise während der letzten Jahre meiner Schulzeit nicht mehr fähig, die Namen meiner Schüler zu behalten, obwohl ich in früheren Jahren von mehr als vier Klassenstufen die Namen der Schüler aus dem Gedächtnis sagen konnte; auffallende Vergesslichkeit; Wortfindungsprobleme -  auch darunter litt ich sehr stark, so kam ich immer häufiger in die Situation, dass ich bei Gesprächen die Wörter zwar im Kopf hatte, sie aber einfach nicht  „ausspucken ” konnte. Entweder musste ich mir helfen lassen oder ich gab -  mir äußerst peinliche - Umschreibungen des jeweiligen Begriffes ab.

 

Innerhalb der Familie mag ja dieser Zustand noch erträglich sein. Doch wenn man unter Bekannten oder sogar bei öffentlichen Diskussionen derart ins Stocken kommt, so ist dies mehr als peinlich. Und die Angst davor, dass es beim nächsten Mal wieder passieren könnte, lässt einen schließlich zum „ Schweiger ” werden.

 

Viele Betroffene leiden auch unter der Befürchtung sich am Anfang der Alzheimer Krankheit zu befinden. Die allgemeine Meinung der Mediziner in Deutschland geht davon aus, dass dies nicht der Fall ist. So schlimm und vielseitig die Gedächtnisveränderungen auch vom Patienten und dessen Umfeld wahrgenommen werden, all die genannten Symptome gingen nur mit einer Veränderung der geistigen Leistungsfähigkeit einher. Die Intelligenz des Patienten bleibe völlig erhalten.

Wenn ich bei dieser Thematik allerdings die gegenwärtigen Forschungsergebnisse zur Krankheit Alzheimer betrachte, dann kann ich mich eines sehr unguten Gefühls nicht entziehen. Innerhalb von Forschungsarbeiten gelang es bei Mäusen, mit Hilfe bestimmter Verfahren die im Gehirn entstandenen Plaques aufzulösen und auszuschwemmen. (http://www2.netdoktor.de/nachrichten/index.asp?y=2007&m=8&d). Vergleichbares geschieht auch bei der von Prof. Dr. Amand entwickelten Guaifenesintherapie .

 

Viele Betroffene beklagen ihre auffällig schnell schlechter werdende Sehleistung. Das verschwommene Sehen tritt zunächst nur beim „Neben - sich - Stehen auf. Doch diese Sehstörung erscheint immer öfter und kann sogar tagelang bestehen bleiben. Als ich einmal beim Fernsehen die Brille abnahm, stellte ich fest, dass ich Teile des Fernsehbildes wie z. B. Gesichter oder Personen doppelt sah. Auch das Doppeltsehen schwankte zwischen den einzelnen Tagen in seiner Stärke. Häufiges Brennen und Jucken der Augen sind ebenfalls häufig auftretende und belastende Symptome.

 

Die meisten der Fibromyalgiker leiden unter Schlafstörungen, viele Betroffene sogar ganz erheblich. Da der Schlaf durch eine Reihe von Störungen beeinträchtigt wird, findet natürlich auch nur eine sehr geringe Regenerierung des erschöpften Körpers statt. Besonders beeinträchtigt wird die Tiefschlafphase, der REM-Schlaf. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sich morgens eine völlige Zerschlagenheit einstellt. Ich erklärte meinen Zustand jahrelang mit folgenden Worten: „ Ich fühle mich, als wäre ich durch eine Hammermühle gedreht worden ”. Während meiner schlimmsten Belastungszeit schmerzte mir alles derart, als hätte mich eine „Dampfwalze „ überfahren. Bereits nach dem Frühstücken war ich jahrelang so erschöpft, dass ich abermals das Bett aufsuchen musste. Denn die Schlafstörungen entwickeln sich häufig zur Hypersomnie, also zum abnormen Schlafbedürfnis.

Während der ersten und zweiten Phase der Fibromyalgie ließen mich ganz sicher neben der inneren Unruhe auch die ständigen Grübeleien um all die auftretenden Beschwerden  und die Angst vor dem Arbeitspensum des folgenden Tages nur schwer in den Schlaf kommen. Doch in den späteren Jahrzehnten war ich viel zu erschöpft zum Grübeln.

Je länger ich jedoch schlaflos im Bett lag (und auch noch liegen muss), um so mehr innere Unruhe verspürte ich. Das stetig stärker werdende Klopfen meines Herzens trieb mich schließlich wieder aus dem Bett. Mittlerweile kannte ich schon viele Trix , um meinen Körper zum Einschlafen zu überlisten. Dennoch passierte es oft genug, dass ich erst in den frühen Morgenstunden völlig erschöpft in einen kurzen, unruhigen Schlaf fiel. Die wenigen noch zur Verfügungen stehenden Stunden zur Regenerierung meines Körpers reichten natürlich nicht aus, um meinen Arbeitstag gelassen und schwungvoll zu bewältigen.

Neben den starken Schmerzen, die mich des Nachts, wenn ich endlich eingeschlafen war, wieder aus dem Schlaf rissen, waren es besonders die nächtlichen Schleimbildungen im Nasen - Rachenraum und den Bronchien, die meinen Schlaf viel zu oft behinderten. Eine verstopfte Nase ist bei Fibromyalgiepatienten ein häufig auftretendes Symptom und besonders des Nachts war dies nicht nur lästig, sondern auch schlafstörend. Doch einen urplötzlich auftretenden, Keuchhusten ähnlichen Hustenreiz, der mich auch aus der tiefsten Schlafphase riss, fürchtete ich ganz besonders.. Ich musste dann förmlich um jeden Atemzug kämpfen. Wasser, beruhigende Lutschtabletten und das Atmen am offenen Fenster verringerten meine dabei auftretenden Ängste und ließen den Anfall allmählich wieder abklingen. Ein HNO-Arzt, welchem ich diese Symptome schilderte, schüttelte nur leicht den Kopf und empfahl mir: „Einfach ignorieren !”

Vermutlich haben sich meine extremen Einschlafstörungen, die mich nun schon seit Jahren zwingen, zu ärztlich verschriebenen Schlaftabletten zu greifen, ganz allmählich aus der im Unterbewusstsein vorhandenen Angst vor dieser Atemnot, den überstarken, nächtlich beginnenden Kopfschmerzen und Schmerzen am übrigen Körper derart manifestiert, dass eine unbewusste Angst vor all den nächtlichen Beschwerden das Einschlafen verhindert.

 

Einige Charaktereigenschaften, die wir Fibromyalgiepatienten nach fachmedizinischen Aussagen haben sollen, sind Reizbarkeit, übersensibles Reagieren und Stimmungsschwankungen in vielen Situationen. Doch ich frage mich, wer wäre bei derart verhindertem Schlaf  und ständig vorhandener Schmerzen nicht empfindsamer?

Ich weiß, das viele Patienten neben ihren oben genannten Beschwerden auch infolge solcher Situationen psychisch belastet sind und sich mit Schuldgefühlen wegen der  Auswirkungen ihrer Krankheit herumquälen.

Sie fühlen sich verantwortlich für die Miseren, die im familiären Bereich entstehen. Zwischenmenschliche und finanzielle Probleme sind in betroffenen Familien fast immer vorhanden. Es ist auffallend, wie viele der weiblichen an Fibromyalgie Erkrankten unter Ehekonflikten leiden oder sogar getrennt leben. Natürlich ist auch dadurch ein sozialer Abstieg häufig vorprogrammiert. Die derzeitige Sozialpolitik leistet dazu zusätzlich ein Übriges.

 

                                        Gefangen im Schmerz

                           Die Krankheit mit den vielen Gesichtern

Ein Leitfaden zum Krankheitsbild Fibromyalgie
von Judith Dagota
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Taschenbuch, 171 Seiten, € 9,95

                       Bestellen unter: mail@contra-dem-schmerz.de

 


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